Man wundert sich
Am Montagabend kurz vor 21 Uhr hatte ich jenes Haus, in welchem mein Appartement sich befinden sollte, erreicht. Aus Erfahrung klug geworden, hatte ich mir die Adresse und den Code für die Schlüsselbox fest eingeprägt, denn die Erfahrung lehrte mich, dass der Akku meines Handys spätestens kurz vor der Haustür leer ist. Dann hilft es nur noch eine asiatische Trinkhalle aufzusuchen und den ahnungslosen und sprachlich unkundigen Inder oder Araber zu bitten, für kurze Zeit sein Handy aufladen zu dürfen. Ansonsten ist in Charleville-Mézières am Montagabend auch jeder Hund bereits begraben. Zwei Schlüsselkästen an der schmalen Haustür, aber mir war an diesem Montag das Glück hold und gleich der erste Kasten öffnete sich wie Sesam. The Highway to heaven eröffnete sich dahinter, denn die steile Treppe ist sehr schmal, bestens für Kleidergröße 38/40 mit leichtem Handgepäck konzipiert. Deuxième étage heißt es in der E-Mail, mir schwante Böses. Ich stemmte mich mit Übergewicht, wohl gefüllten Schrankkoffer und leichtem Latop-Täschchen auf rustikalen Eichenstufen himmelwärts.


Der erste Eindruck, eine gute Wahl. Angenehm groß und das für 40 € pro Nacht, was will man mehr. Nur, wo hänge ich meine Jacke auf, wo hängen meine Kappen in luftiger Höhe? Zweieinhalb Haken grüßen verschämt aus einer Ecke, als wollten sie sagen: An dem sechsten fehlenden Haken hat ein Gast versucht, seinen Koffer zu hängen und musste seinen lautesten Absturz des Lebens hören. Kein einziger Schrank im Raum, der sich eignen würde, Hosen oder Hemden auf Bügel zu ziehen und diese ordentlich zu hängen. Nächtigen hier ausschließlich Jeans-Fetischisten und T-Shirt-Fans, die Bügeleisen als Relikte eines weit entfernten Jahrhunderts betrachten? Ich werde wohl elf Tage aus meinem Koffer leben müssen, denn nicht einmal eine rollende Teppichstange, an welcher jeder Plätteisenmisantrop seine handgescheuerten, noch nassen Textilien zum Trocknen aufhängen könnte, fehlt, von erkenntnisreichen Bügeln ganz zu schweigen.

Unscheinbar die Eingangstür für Haus Nr. 4, eingezwängt in der Rue de la Paix zwischen Regenfallrohr und Fachgeschäft für E-Zigaretten. Der Poet A. Rimbaud muss auch für E-Zigaretten herhalten.
Ich schaue fragend auf das demolierte Haken-Trio. Wozu mögen sie nützlich sein, wer hat sich was bei ihnen gedacht? Kein französischer Mantel, keine französische Jacke noch ein französisches Hemd verfügt über einen nützlichen deutschen Aufhänger. In jedem Café, jedem Restaurant und in noch so einer verräucherten Schmugglerspelunke steht ein Garderobenstamm mit weit ausholenden Hörner, über welche man den Armel seiner Mantels oder der Jacke stülpt. Sollten Sie trotzdem einmal in einem Kleidungsstück einen Aufhänger finden, dann handelt es sich um einen Irrläufer, der für den Export bestimmt war. Bei dieser Gelegenheit sei eine Benimmregel angemerkt: Helfen Sie keiner Französin aus oder in den Mantel. Man wird Sie wortlos als Ausländer, freundlich als Gentleman betrachten, was mit dem englischen Begriff schon einen Ausländer indiziert. Junge Französinnen stehen entgeistert da, was Sie wohl mit ihrem Mantel beabsichtigen zu tun. Diebstahl scheint noch das unterste Delikt zu sein, schwerere Verbrechen sind nicht auszuschließen. Geben Sie sich als Flaneur, stehen Sie mit gekreuzten Beinen gelassen daneben und beobachten Sie, wie die Dame sich entweder entkleidet oder in den Mantel quält.

Meine Liegestatt ist ein Sofa, das sich zur Schlafenszeit zu einem Doppelbett ausklappen lässt. Glücklicherweise schlafe ich allein, denn das Metallgestell unter der Matratze stöhnt, knarzt und ächzst angesichts meines Drehens und Strecken so laut, dass eine zweite Person nicht schlafen könnte, oder umgekehrt mir der Schlaf versagt bliebe. Eine Neuanschaffung wäre dringend zu empfehlen, sollte es dieses Modell neuwertig noch auf dem Markt geben.


Art Deco, Wasserhähne eben als vermeintlich dekoratives Elemente
Kaffeetrinker werden es vermutlich danken, dass eine Maschine mit vielen Kapseln zur Verfügung steht. Nur trinke ich keinen Kapselkaffee, noch finde ich das Zeitalter des Art Deco künstlerisch als besonders aufregend. Der Einrichter meines Appartement, dem eben jegliche Affinität zu einem Kleiderschrank fehlt, hat wohl einen Restposten Jugendstil imitierender Wasserhähne und Duschköpfe preiswert erstanden. Der Wasserhahn mit einem Griff versehen, passend zu einer historisierenden Bierzapfanlage, harmoniert zu dem benachbarten Ceranfeld ebenso wenig wie im Badezimmer der gleiche geschmacklose Unfug zum Durchlauferhitzer. In der Duschkabine der dritte Schrecken des Art-Dekos, wobei ich anmerken möchte, das Wasser stammte nicht aus den 1910er Jahren. Erfreulich sind die Bistrostühle an der Frühstücksbar. Die Sitzfläche ist so breit, dass ich auch mit Hosengröße 54 bequem darauf Platz nehmen kann, und nicht so schmal, dass es gerade für eine Backe reicht. Franzosen sind halt wohl etwas schmaler im Beckenbereich gebaut.

Künstlicher Efeu wächst aus künstlichem Kamin, ich vermisse das nächtliche Käuzchen und die schwebende Geister-Dame in weißem Gewand.
Es verwundert mich nicht, dass auch in diesem Haus die dritte Etage vom einstmaligen Dachboden zum Wohnerlebnis aus- und umgebaut wurde, und wie gut es sich dort oben wohnt, höre ich ständig, wenn der oder die Gast/Gästin sich fußläufig bewegt. Jeder Schritt weckt bei mir die Befürchtung, die höher schwebende Person könnte durch- und bei mir einbrechen. Nicht so extrem wie vor zwei Jahren in meinem ersten Appartement, aber Befürchtungen schwingen mit.

Viel gemauerte und vermeintlich gewachsene Wand, kein Schrank, kein Bild. Aber das Bett spricht mit mir bei jeder Drehung
Nun werde ich mich zur Ruhe begeben, erfreue mich an zwei verstaubten Kunstpflanzen und an einem Efeu, der aus einem Loch im Kamin herauswächst. Vielleicht erscheint mir heute Nacht durch dieses Loch eine weiße Dame, mit der ich das schwere Leben von Geistern besprechen kann. Es wird Zeit, ich schließe für heute zur Geisterstunde.
