Es ist ein Stechen und Treffen
Samstagmorgen in Charleville-Mézières (CMZ) ist es für mich obligatorisch in die Markthalle von Charleville zu gehen, unweit des Place Ducale. Hier trifft man seine Freunde und Bekannte und obwohl ich ja nicht viele Bekannte in CMZ haben kann, treffe ich zumindest zwei Personen, zumeist aus dem Artisan du Monde. Aber auch die Imker, immerhin vier Mal in der Halle vertreten, sind für mich Gesprächspartner und -partnerinnen, denn die asiatische Hornisse wie auch die Varroa-Milbe sind grenzüberschreitende Probleme für gestochene Imker. So mangelt es mir als „blanc loup“, wie Annie mich spöttisch lächelnd titulierte, als „bunten Hund“, nicht an Gesprächsstoff.

Mir scheint, das Verkaufsangebot am Samstag ist gestiegen, nicht in der Markthalle, sondern ringsherum. In der Markthalle sind nur noch jene Händler mit Waren vertreten, welche keiner Kühlung bedürfen, wie Gemüse, Brot, Nüsse oder Konfitüren. Fleisch, Fisch oder Käse werden ausschließlich vor der Markthalle in Verkaufswagen mit Kühlung angeboten, was viel Zeit für das Ein- und Ausräumen erspart. Die sogenannte Kühlkette wird nicht unterbrochen, wie es das EU-Recht fordert und kostenintensive Umbauten in der Markthalle selbst erübrigen sich. Märkte, gleich in welchem Land, sind auch intensive Kommunikation zwischen Erzeuger und Verbraucher und daher wohl so viel beliebter als die Discounter, in welchen man nur kassiert wird. Selbst ein freundliches Wort mit der Kassiererin hält nur die Schlange auf, was auf den Markt niemanden stört.

Kühlwagen mit Käse, Fisch und Fleisch vor der Markthalle, zudem etliche Snacks und Fertiggerichte
Da ich noch viel Zeit bis zum Konzert heute Nachmittag habe, kehre ich am Place Ducale auf einen Café alengé ein. Monsieur, der Ober, Garcon sagt heute niemand mehr, begrüßt mich mit Handschlag, wie einen Stammgast, eben einen loup blanc. Die Sonne scheint fast wie im Sommer, es ist Samstag und die Menschen kaufen ein, weil es ihnen Freude bereitet einzukaufen, nicht weil sie einkaufen müssen.
Für 16 Uhr hat mich Marie-Lise eingeladen zu einem Konzert mit dem Chor, in welchem sie seit Jahren singt. Ein kleiner Raum, hinter einer Bücherei, die einstmals eine Akzidenzdruckerei war. Viele Druckerpresse stehen als Schaustücke herum, die scheinbar aber noch zu gelegentlichen Aufträgen genutzt werden. Die Lettern für den Handsatz sind korrekt eingeordnet, liegen griffbereit in den Fächern und die Pressen sauber geputzt zum alsbaldigen Gebrauch. Ich fühle mich 55 Jahre zurückgesetzt, als in der Mettage noch per Hand die verschnürten gesetzten Zeilen auf die Schiffe gestellt wurden. Damals wussten bereits alle Lehrlinge, sie lernen für vergangene Zeiten. Der Fotosatz wird alles erobern und schneller sein, Schnell ging dann auch die Ästethik der Seiten verloren.

Marie-Lise Nivelet als Schäferin aus Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach
Im Aufführungsraum ist die Hälfte aller Stühle besetzt, im Nebenraum warten die Sänger. Ich werfe Marie-Lise einen Handgruß zu. Acht Stücke von Jacques Offenbach und zwei von Charles Gounod stehen auf dem Programmblatt. Ein Potpourri von Pariser Leben, Hoffmanns Erzählungen, Orpheus in der Unterwelt, La Périchole, Lischen und Fritzchen, Pomme d’Api und zwei Werke aus dem Faust von Gounod werden mit einleitenden Worten präsentiert. Zum Teil schöne, ausgebildete Stimmen, die in ihrer Gesamtheit manchmal zu kräftigt wirken, dass Hörgeräte in dem zu kleinen Raum abgeschaltet werden. Zwei Stunden lang Unterhaltung, die den Sängern und den Zuhörern Freude bereiten, denn nur üben, üben, üben ohne das Gelernte zu präsentieren, macht auch keinen Spaß.

Chorleiterin Anne Cara mit ihrem Ensemble
Damit alles abgerundet wird, trifft man sich am selbst gemachten Buffet zu einem Glas Wein, genießt Leberpastete, Apfeltarte und Quiche und unterhält sich über Gott und Welt, wenn schon der Papst in Paris ist und definiert den alltäglichen Laizismus. Ich lasse meinen Tag auf dem Place Ducale bei einer Flasche belgischen Bieres ausklingen.

Zum Tagesausklang ein Bier am Place Ducale, kurz bevor die Sonne untergeht
