Der Weg ist das Ziel

Ich wusste es ja vorher, nicht allein Charleville-Mézières ist das Abenteuer, sondern allein die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln sorgt für genügend Adrenalinschübe. Das Taxi wurde um 6.20 Uhr bestellt und zugesichert für 8.30 Uhr. Um 8.33 Uhr mein erneuerter Anruf: „Yupps, ich habe sie vergessen“. Es wurde schnell ein Privatwagen organisiert und um 8.45 Uhr ging es in zügiger Fahrt zum Bahnhof. Sie wäre nicht nötig gewesen, denn mein Zug nach Gelsenkirchen kam weniger zügig, er hatte Verspätung.

Angekommen, wenn ich dieses Gebäude verlasse – der Bahnhof von

Charleville-Mézières

Kurz vor Sythen fällt einem Ehepaar auf, dass sie wohl in den falschen Zug eingestiegen sind. Sie wollen über Münster nach Norddeich Mole, fahren aber Richtung Haltern. Zufällig befindet sich eine Zugbegleiterin in der Nähe und es wird diskutiert, ob man in Haltern aussteigt und mit der nächsten Regionalbahn Richtung Münster zurückfährt. Aber die nächste Bahn hat so viel Verspätung, dass sie in Appelhülsen ihre Fahrt beenden wird, und über den Rangierbahnhof erst in zwei Stunden wieder in den Betrieb eingesetzt werden kann. Ihr regulärer Lauf in der nächsten Stunde wird storniert. Die findige Zugbegleiterin erfährt über ihr Diensthandy, dass der IC Richtung Norddeich Mole bereits so viel Verspätung hat, dass das Paar inclusive Hund in Recklinghausen umsteigen kann, und gleich im richtigen Zug sitzt, nur die Platzreservierung hat noch keine Gültigkeit. Man geht nicht mehr zum Zug, man holt ihn ab. Welch einer Wendung.

Irgendwo zwischen Wanne-Eickel und Gelsenkirchen wird die Gleisanlage einspurig und abwechselnd darf in jede Richtung mal ein Zug fahren, wobei Güterzüge wie LKWs auf der Autobahn auch noch mitspielen. Mein Zug nach Köln hat Gelsenkirchen längst verlassen als ein verspäteter Zug aus Hamm einfährt, der auch nach Köln will. 45 Minuten habe er Verspätung, stöhnt meine Sitznachbarin, die wegen ihrer Schlittenprothese nach Düsseldorf fährt. Sie zeigt mir Fotos ihrer Prothese und wir tauschen uns über Nekrosen und Knochendichte aus. Reisen bildet! Ich werde innerlich bescheiden ob meiner Gesundheit und fühle mich wohl in diesem Zug, der geisterhaft immer leerer wird, weil niemand mehr einsteigt. Wer diesen Zug hätte nutzen wollen, hat längst eine Alternative gefunden und traut dem Verspäteten nicht mehr übers Gleis.

Erwartungsgemäß kommen wir mit Verspätung in Trier an, aber den Zug nach Luxemburg erreiche ich doch noch. Ein sehr früher Zug, zwei Stunden zu früh in meiner Reiseplanung, mir wird schwindelig. Mir gegenüber residiert eine gleichältrige Frau, schwer behangen mit Einkaufstasche und beschützt von einem großem Trolly. Sie habe in Trier wohl für 500 € Bekleidung eingekauft, wird sie mir später erzählen. In Luxemburg sei es nicht zu bezahlen, aber in der Pfalz sei alles zum halben Preis. Hoffentlich kann sie noch alles tragen und muss es nicht vererben, denke ich mir. Ihre Halskette signalisiert Reichtum, immerhin habe sie ihr Haus, das 1970 umgerechnet 50.000 € gekostet habe jetzt für 500.000 € verkauft und erfreut sich innerlich noch mal. Fünf Kinder habe sie, aber das hätte sie nicht geschafft, sie zu erziehen, daher seien sie ins Internat gekommen. ihr Mann sei 13 Jahre älter als sie gewesen und auf der Jagd verstorben: an Herzversagen, wie sie betont. „In seinem Wald, wie er es immer wollte.“ Jetzt scheint sie mir einsam zu sein, denn zu einem Gespräch kommt es nicht, ich muss nur mit dem Kopf schütteln. Ich schüttele auch mit dem Kopf, als drei Zugbegleiter erscheinen und Fahrkarten kontrollieren, denn in Luxemburg sind schon seit langem die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos. Weil dieser Zug die deutsch-luxemburgische Grenze überschreitet? Einer der Zugbegleiter wird ausgebildet, denn er möchte neben meinem Bahnticket auch noch meinen Personalausweis sehen – zum Abgleich. Es sei ein Franzose gewesen, haben Sie den französischen Akzent gehört, fragt mich meine Gegenüber später. „Sie verdienen bei der luxemburgischen Bahn mehr als bei der französischen. Ein Krankenpfleger erhält in Luxemburg fast das Gehalt eines Arztes in Bitburg.“ Ich denke an eine mit dünnem Blau übertünchte Partei, die syrische und afghanische Arbeitnehmer reimmigrieren will und dafür Deutsche aus der Schweiz wieder zurück holen möchte. Diese werden den Politikern sicherlich den Mittelfinger zeigen und zum Einkaufen stundenweise gerne nach Deutschland kommen. In Luxemburg verlieren wir uns aus den Augen, denn ich habe meinen Zug nach Longwy fest im Blick.

Je häufiger ich die Bahnstrecke nach Longwy fahre, desto näher scheint mir der Wald den Gleisen entgegen zu wachsen. Ich habe noch immer die Bergwerke, Kokereien, Stahlhütten vor Augen, die ich vor 50 Jahren in der Umgebung von Longwy und Longyon sah. Man nannte die Gegend auch das französische Ruhrgebiet und wie man heute zwischen Dortmund und Duisburg fast vergeblich nach diesen Relikten sucht, hat auch in Ostfrankreich die Natur sich sein Land zurück geholt. Ich bin zu früh in Longwy, der einzige Zug fährt erst in zwei Stunden. Im Mai fiel er aus, und ich durfte in Longwy bei einer Französin übernachten, die mich spontan einlud. Ich sehe vor dem Bahnhof von Longwy keine Französin, die mich einladen könnte, nur vier Busfahrer, die sich unterhalten. Sie haben Ruhepause und ich genieße die Sonnenstrahlen mit immerhin 21° C. Eine Stunde meines Zeitreservoirs verstreicht in Longwy, während dessen ich französische Vokabeln lerne – was ich übrigens während der gesamten Zugfahrt betreibe.

Der Busfahrer bläst vor Fahrtantritt in ein Röhrchen: Alkoholtest! Obligatorisch, erklärt er mir. Wir fahren parallel zur Bahnlinie auf einer nicht immer sehr breiten Straße, mit recht vielen Steigungen und Gefällen, so wie äußerst scharfen Kurven. Es lässt sich der alte Straßenverlauf erahnen, den Bauern und Kaufleute mit Pferd und Wagen einst mühsam ertrampelten. Aber es war der leichteste Weg, sonst hätte man später nicht die Bahnlinie in direkter Nachbarschaft geplant. Im Winter bei Glatteis und Schnee, den es immer noch stundenweise gäbe, sei die Straße schwierig zu befahren, erklärt mir der Busfahrer. Jetzt blende ihn nur die untergehende Sonne, die immer wieder über den Bergkuppen aufblitzt. Bei dieser Busfahrt sehe ich die Bahnhöfe von ihrer prunkvollen Ansichtskartenseite. Ob Longwy, Carignan, Sedan oder Charleville, sie alle scheinen vom gleichen Architekten entworfen worden zu sein, so ähneln sie sich. L’art deco herrscht hier vor, für Freunde des Jugendstils eine Vergnügungsreise.

Der Bahnhof von Sedan

Die Busfahrt dauert zwei Stunden 15 Minuten. Ich bin vier Minuten früher in CMZ als mit dem planmäßigen Zug. Mein Zeitfenster ist aufgebraucht. Zwölf Stunden Fahrt, eine Zeitverschwendung? Ich finde nicht, denn es kommt drauf an, wie man die Zeit nutzt. Ich habe mehr oder weniger interessante Gespräche geführt, ich habe Vokabeln gelernt und ich habe wieder Landschaften aus einer anderen Perspektive gesehen, nicht nur aus dem Blickwinkel der Autobahn. Elf Tage CMZ, ich werde berichten.

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