Wie geht es weiter?
Gestern war wettermäßig ein sehr warmer, wenn nicht heißer Tag in Charleville-Mézières, aber es war für mich auch ein denkwürdiger. Marie-Lise, Evelyn und ich hatten uns zum Mittagessen verabredet und es kam auch die Sprache darauf, wie könne man die deutsch-französischen Beziehungen festigen und vertiefen. Ich möchte vorausschicken, ich arbeite zwar als Mitglied im Partnerschaftskomitee Charleville-Mézières – Dülmen mit, aber ich bekleide keinerlei Funktion und ich bin absolut kein Sprecher und kein offizieller oder offiziöser Vertreter. Wie auch dieser Blogg kein offizielles Sprachorgan des Komitees ist, sondern mein privater Blogg und ich bin auch nicht in irgendeiner offizieller Funktion hier in CMZ, sondern als normaler Tourist, der Freunde besucht, wie jeder anderer Dülmener hier Tourist sein kann. Aber Gedanken, wie eine internationale Freundschaft sich weiter entwickeln kann, sollte sich auch jeder Privatmann machen.

Das restaurierte Rathaus von Charleville am Place Ducale
Über eines waren wir Drei uns einig: Die deutsch-französischen Beziehungen auf unterer privater Ebene sind im Rahmen der Europäischen Union in den letzten 60 Jahren so natürlich und selbstverständlich geworden, dass es eigentlich keinen Gesprächsstoff mehr geben könnte. Gäbe es keine Schilder an den Straßenrändern, die darauf hinweisen, man reist nach Frankreich ein oder kommt in die Bundesrepublik Deutschland zurück, man würde es nicht merken. Das Gras ist vor den Schildern so grün wie dahinter, oder wie in diesem Sommer, so vertrocknet dahinter wie davor.
Es gibt Grenzkontrollen nur aus polizeilichen Fahndungsründen. Schengen hat uns zusammen mit dem Euro eine schier unermässliche Bewegungs- und Bürokratiefreiheit geschenkt, die letztmalig im römischen Reich vor 2000 Jahren üblich war. Was uns jedoch noch besonders trennt, ist die Sprache. Diese Kluft scheint sich zu verstärken, denn das Interesse an der französischen Sprache, respektive der deutschen Sprache hat bei den Schülern an den Gymnasien stark nachgelassen. Früher war Deutsch an den Lyceen in Ostfrankreich Pflicht. Seitdem die Alternative Spanisch unterrichtet wird, verringerte sich der prozentuale Anteil auf 13 %, auch mit der Konsequenz, dass weniger Abiturienten sich für einen Studiengang „Deutsch auf Lehramt“ entscheiden. Auch an den deutschen Gymnasien sind die „französischen“ Klassen kleiner geworden.
Wenn der Zustrom an jungen Menschen nur tröpfelt, ist ein Problem beschrieben. Das zweite Problem könnte die Finanzierung in Deutschland werden, und ist es leider bereits in Frankreich. Auch wenn die Mitglieder ehrenamtlich arbeiten, allein mit den Mitgliedsbeiträgen ist in keinem Verein eine konstruktive Arbeit möglich. Das Ehrenamt wird derzeit noch sehr hoch gelobt, ausgezeichnet und als unerlässlich gepriesen, aber muss das so bleiben? Anträge für Zuschüsse können von den Entscheidungsträgern im Rat oder in der Verwaltung blockiert werden. Nicht dass von einer blauen Partei oder dem Front National Verbote ausgesprochen werden, sondern dass Räumlichkeiten nur noch mit solch hohen Mieten belegt werden, dass Veranstaltungen einfach nicht mehr durchführbar sind.
Sehr subtil sind Veränderungen in den Kulturgremien in ostdeutschen Städten und Kommunen zu beobachten. Hat die AfD 40 % der Wählerstimmen und hätten die demokratischen Parteien mit 60 % die Majorität, wird die Anzahl der Gremiummitglieder von fünf auf sechs erhöht und aus einer 3 zu 2 Mehrheit entsteht eine Pattsituation und alles was der AfD als nicht kulturwürdig gilt, kann zumindest blockiert werden. Dies zeigt, wie wichtig Kommunalwahlen zukünftig sein werden, wenn die demokratischen Strukturen von unten ausgehöhlt werden sollen. Es müssen keine realen Zäune um ein ganzes Land gezogen werden, man muss nicht aus der EU austreten und rückwärtsgewandt die D-Mark wieder einführen wollen, geistige Zäune werden zuerst auf kommunaler Ebene in den Köpfen gezogen und diese Beschränktheit ist genau so gefährlich.
