Au Cabaret-Vert
Wenn man in Charleville-Mézières wohnt und lebt, kommt man an ihm nicht vorbei: Arthur Rimbaud. Der wohl bekannteste Bürger dieser Stadt muss für viel dummes Zeug herhalten und dies beinhaltet auch einfach den Missbrauch des Namens. Dabei reduziert sich zumeist das Augenmerk auf die gerade fünf Jahre lyrischen Schaffens, weniger auf die 15 Jahre Kindheit und Jugend und kaum noch auf das Leben in Indonesien, insbesondere das kaufmännisch gesehen erfolgreiche Arbeiten in Aden.

Unbestritten wird Rimbaud als hochbegabter Schüler beschrieben, der trotz mangelndem Fleißes immer wieder zum Schuljahresende mehrfach ausgezeichnet wird. Falls es eine genetische Veranlagung dazu geben sollte, dürfte sie von seinem Vater vererbt worden sein, der als Offizier in Mézières stationiert war und so seine Mutter kennenlernte. Der Vater wird alljährlich dienstlich versetzt, kommt mit dem Jahresurlaub nach Charleville, schwängert seine Frau, und bricht 1860, Arthur ist sechs Jahre alt, jeglichen Kontakt ab. Die Mutter verliert mit 5 Jahren ihre Mutter und wächst nun als Mutterersatz für die vier jüngeren Geschwister auf. Dies prägt sie, die als strenge Katholikin nur in ihrer festen Ordnung leben kann und für den geistig alles überfliegenden Sohn Arthur intellektuell kein Verständnis hat. Sie soll keine angenehme Nachbarin gewesen sein, was den häufigen Wohnungswechsel der Familie erklärt. Ewige Streitereien prägen das Mutter-Sohn-Verhältnis, wobei sie ihn finanziell stets unterstützt. Der Vater dient in Algerien, lernt sehr rasch Arabisch und publiziert eine arabische Grammatik, derer sich Arthur noch als Schüler zum Zeitvertreib bedient.
Nicht wenige Künstler sind stets auf der Suche und dies nicht nur im geistigen Bereich, sondern auch wohnsitzmäßig. Es ist immer gerade dort besser, wo man gerade nicht ist. So irrt er zunächst durch Frankreich, das vom deutsch-französischen Krieg und der anschließenden Belagerung Paris (1870/71) und der Kommune erschüttert wird, wird immer wieder aufgegriffen und nach Charleville zurückgeschickt. Er reist mit seinem verheirateten Geliebten Verlaine nach London und Brüssel und verrät ihn, als der wegen Homosexualität zu zwei Jahre Gefängnis verurteilt wird. Zu dieser Zeit hat Rimbaud seine Arbeit als Lyriker bereits eingestellt. Ob wegen mangelnder Resonanz oder weil er nicht mehr glaubt, noch etwas sagen zu können, was noch nicht gesagt worden ist, entscheiden Berufenere als ich. Jedoch sind solche Schaffenskrisen von vielen Schriftstellern, Lyrikern, Malern und Komponisten belegt. Rimbaud findet weder in Deutschland, Österreich oder Italien ein Zuhause und lässt sich in Brüssel von der holländischen Kolonialarmee verpflichten, in Indonesien zu dienen. Er desertiert dort auf ein englisches Segelschiff und unter manchem Umweg leitet er letztendlich den Steinbruch einer französischen Firma auf Zypern.

Rimbaud schafft aus Buchstaben innerlich zusammenhängende Wortkunstwerke. Fresko an einer Hauswand in Charleville
Jetzt und in den noch elf verbleibenden Lebensjahren zeigt sich seine schnelle Auffassungsgabe und die geistige Flexibilität. Zuerst als Angestellter einer französischen Firma in Aden (Jemen), die mit Kaffee und Pelzenn handelt, später übernimmt er Waffengeschäfte auf eigene Faust. In Aden wird er als bekannter Lyriker von seinem Chef erkannt, er selbst schweigt sich darüber aus, diese Zeit scheint für ihn zu einem anderen Leben zu gehören. Er macht gute Geschäfte und kehrt 1891 aus Somalia zurück, um in Marseille seine Schmerzen im Knie behandeln zu lassen. Diagnose: Knochenkrebs. Auch eine Amputation rettet Arthur Rimbaud nicht mehr, am 10. November 1891 wird er in Charleville beerdigt.
Wer sich für Rimbauds Leben vor und nach der literarischen Phase interessiert, empfehle ich das Buch von Kersten Knipp: „Die zwei Leben des Arthur Rimbaud. Vom Kultdichter zum Waffenhändler“. Aus dieser Perspektive erscheint das poetische Genie aus einem anderen Licht. .
