551 Namen bleiben ungerufen
Keine hundert Meter entfernt von meinem Appartement in der Rue de la Paix, der Straße des Friedens, befindet sich der Square Winston Churchill. Eine Grünanlage mit großen Bäumen ringsherum und einer martialischen Soldatengruppe in der Mitte, über welche die Siegesgöttin Nike mit einem Lorbeerkranz schwebt. Ich sitze gerne in dieser kleinen Grünanlage, denn schnell kommt man miteinander ins unverbindliche Gespräch. Winston Churchill hieß die Anlage bei ihrer Einweihung 1923 noch nicht, sondern Place Carnot, nach dem ehemaligen ermordeten Staatspräsidenten Sadi Carnot.

Eingeweiht hat das Denkmal am 19. August 1923 Ministerpräsident Raymond Poincaré, dessen Rolle zum Ausbruch des 1. Weltkrieges von Historikern zwiespältig diskutiert wird. Poincaré musste als Kind mit seiner Mutter 1870/71 im deutsch-französischen Krieg aus seiner Geburtsstadt Bar-le-Duc vor den deutschen Truppen fliehen. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges war er Staatspräsident, verzichtete 1922 aber auf eine Wiederwahl, um als Ministerpräsident wieder mehr Einfluss auf die Politik nehmen zu können.
Charleville war während des Krieges besetzt und Hauptquartier des deutschen kaiserlichen Heeres. 551 Soldaten aus Charleville sind im 1. Weltkrieg gefallen, ihre Namen wurden in den Sockel des Denkmals eingemeißelt. Historische Fotos zeigen bei der Einweihung eine große Menschenmasse und Fahnen von Veteranenverbänden. Es ist alljährlich am 11. November die erste Station, wo der Bürgermeister in Gedenken an die Toten des Grand Guerre einen Kranz niederlegt. Am 11. Nov. 1918 unterschrieb die deutsche Waffenstillstandskommission den Vertrag zur Beendigung der Kampfhandlungen im Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne.

Square Winston Churchill
Ich hatte zufällig ein Gespräch mit einem Mann, der seinen Hund ausführte, über seine Zeit als Wehrpflichtiger in Deutschland, in Tübingen. Da ich selbst fast 25 Jahre lang im benachbarten Reutlingen gelebt hatte, konnte ich ihm von der Umwandlung seiner Kaserne in ein beliebtes Wohngebiet berichten. Als ich ihm jedoch erläuterte, dass die Sprache der Mannschaftsdienstgrade in der deutsch-französischen Brigade in Donaueschingen Russisch ist, zeigte er sich allerdings doch sehr erstaunt.
Den Name Square Winston Churchill bekam die Anlage erst nach dem 2. Weltkrieg.
